Mittwoch, Januar 03, 2007

Hwæt.

Ab sofort wirds altenglisch, naja eigentlich skandinavisch-germanisch-altenglisch, denn ich hatte irgendwann neulich in einem Anflug von Großenwahn etwas davon gefaselt, dass ich einen ganz fantastisch langen Beowulf-Blogeintrag plane. Der Grund? Ich habe mir die Verfilmung mit Sabberkandidat Gerard Butler (das ist der, der im 300-Trailer so rumschreit) angesehen und bin ziemlich begeistert davon. Das Problem? In einer normalen Review wirds schwer zu erklären, warum ich den Film so fantastisch finde und deshalb müsste ich eigentlich ein bisschen weiter ausholen. Auch auf die Gefahr hin, dass es eigentlich keinen interessiert.

Aber da müsst ihr jetzt halt durch.


Was ist denn dieser Beowulf überhaupt? Ich geh jetzt einfach spontan mal davon aus, dass nicht jeder den Text oder zumindest die Geschichte kennt oder schon mal was davon gehört hat.
Beowulf heißt auch eigentlich gar nicht Beowulf, da das mit den Titeln seinerzeit als das Gedicht aufgeschrieben wurde noch nicht wirklich in Mode war. Seinerzeit, das war so um 1000 n.Chr. - jedenfalls datiert man so das einzige existierende Exemplar. (Ich erspare euch jetzt mal den sprachhistorischen Exkurs darüber, warum das so ist.) Gedichtet wurde es vermutlich etwas früher - so um 700. Und die Handlung kann man noch ein, zweihundert Jahre früher ansiedeln. Das funktioniert deshalb, weil es einige der Personen und vor allem die Volksstämme, um die es geht, wirklich gab. Interessant ist auch, dass die Personen um die es geht wohl auf gar keinen Fall Christen gewesen sein können - das Manuskript aber stark christlich geprägt ist.

Die Story ist relativ schnell erzählt:

Der Titel ist eigentlich der Name des Typen, dessen Heldentaten im Gedicht erzählt werden. Beowulf ist nämlich ein richtiger Superheld. Tapfer, edel, stark und so weiter. Und weil er der Inbegriff des Helden ist, darf er nicht nur gegen ein, nein gleich gegen drei Monster antreten.

König Hrothgar hat sich eine schicke Halle gebaut, in der er und seine Dänen endlich mal anständig feiern können. Das viele Feiern und vor allem der Lärm gefallen dem Nachbarn der Dänen nicht. Blöd nur, dass es sich dabei um Grendel handelt, ein Monster, dass direkt von Kain (ihr wisst schon, Altes Testament und so ... unsympathischer Zeitgenosse ...) abstammt. Grendel hat unheimlich schlechte Laune und findet die Partys, die die Dänen in ihrer schicken neuen, von König Hrothgar gebauten Halle feiern, auch ziemlich blöd. Sowas kennt ja jeder von uns - Nachbarn, die gleich die Polizei holen, wenns mal ein bisserl lauter wird, bei der Silvestersause. Nur dass Grendel halt lieber Leute abmetzelt, als die Polizei zu holen. (Okay, das ist jetzt extrastark vereinfacht - wers genauer will, kann ja eine der 20 Millionen vernünftigen Veröffentlichungen zum Thema lesen ...) Die Dänen werden immer weniger und kriegen das Problem selber nicht wirklich unter Kontrolle.
Das kommt auch unserem Helden zu Ohren, der sich gleich mit ein paar anderen auf den Weg macht um da mal für Ordnung zu sorgen.
Es kommt, wie es kommen muss: Grendel greift an, kloppt sich mit Beowulf und zieht ziemlich eindeutig den Kürzeren. Großes Freudenfest bei den Dänen, logisch.
Nur haben die nicht mit Grendels Mama gerechnet. Die ist fast noch fieser als ihr Bub und will vor allem eins: Rache. Also muss sich Beowulf auch darum kümmern. Klopperei mit Schwert, Kopf ab, alles gut.
Jetzt macht die Dichtung einen ziemlich großen Sprung. 50 Jahre später ist Beowulf König bei sich zuhause und ziemlich beliebt. Da taucht Monster Nummer 3 auf, ein ziemlich angepisster Drache, dem was geklaut wurde. Beowulf besiegt den Drachen, stirbt aber selbst. Große Trauer, Staatsbegräbnis. Fin. (Das mit dem Drachen fehlt übrigens in den Filmversionen, die ich kenne, vollständig.)

Weil Beowulf einer der wenigen Texte aus der Zeit ist, die wir tatsächlich heute noch haben, ist er natürlich in zig Artikeln und Büchern beschrieben, analysiert, interpretiert und was weiß ich noch alles worden. Interessant ist vor allem, dass er noch gar nicht so lange auch literaturwissenschaftlich untersucht wird. Früher war er mehr so eine Quelle für sprachwissenschaftliche und historische Forschungen. Das hat sich erst durch einen gewissen Herrn Tolkien geändert, der fand, dass man das Gedicht ruhig mal als Gedicht lesen könnte. Der gewisse Herr Tolkien hat sich übrigens nicht gerade wenig vom Beowulf inspirieren lassen ...

Aber er war dabei nicht der einzige. Es gibt eine Reihe von literarischen Adaptionen, von denen vielleicht John Gardners Grendel am interessantesten ist. Gardner erzählt die Beowulf-Geschichte mal aus einem ganz anderen Blickwinkel - nämlich aus dem des Monsters. Ziemlich postmodern und echt schick.

So langsam nähert sich mein Gefasel dem eigentlichen Sinn und Zweck dieses Eintrags ...
Die Macher von Beowulf & Grendel hatten nämlich bestimmt auch Gardners Text im Hinterkopf als sie ihren Film gedreht haben.
Der beginnt nämlich ein paar Jahre vor den Ereignissen des Beowulf-Gedichts. Die Dänen, allen voran Hrothgar, sind auf Trolljagd - und haben dabei Erfolg. Nur war der Troll nicht allein, sondern er hatte noch seinen kleinen Sohn dabei, den Hrothgar verschont.
Jahre später ist der Kleine bereit für seinen Rachefeldzug gegen die Dänen. Den Rest der Geschichte kennen wir ja schon ...

Die Kritiken zum Film waren ziemlich gespalten - von einigen wurde er ziemlich verdammt, von anderen ziemlich hochgejubelt. Ich gehöre zu letzterer Sorte.

Ganz wichtiger Grund vorab: Gerard Butler ist richtig-gutes-Vindaloo-mäßig scharf und ein ganz außerordentlich fantastischer Beowulf. Und er ist Schotte. Mit schottischem Akzent. MWAH!!!!

Auch unbestreitbar fantastisch sind die Bilder: Gedreht wurde auf Island und die Szenerie dort ist einfach nur unbeschreiblich schön und sorgt für genau die richtige Stimmung.

Was von vielen kritisiert wurde waren zum Einen die Dialoge. Und ja, es wird ziemlich viel geflucht (was ja vermutlich um einiges realistischer ist, als die gestelzte Sprache vieler pseudohistorischer Fantasyfilme) und der Humor war für mich anfangs auch ein wenig störend. Nur habe ich mich dann recht schnell daran gewöhnt und fand ihn nach ein paar Minuten ziemlich passend, weil er selten peinlich ist und gut zur Grundstimmung des Films passt.

Hauptkritikpunkt sind aber, wie so oft bei Literaturverfilmungen, natürlich die Änderungen. Und da bin ich ganz anderer Meinung.
Klar, ich würde auch liebend gern mal eine wirklich werksgetreue Beowulfverfilmung sehen, aber ich finde, dass Literaturverfilmungen meistens erst dann interessant werden, wenn sie sich trauen, eine eigene Interpretation zu bieten oder andere Aspekte in den Vordergrund zu stellen.
Der Film tut das ziemlich deutlich (und könnte, ich gebs zu, stellenweise ruhig ein bisserl subtiler sein): hier ist Grendel nämlich nicht wie im Text einfach ein fieses Monster und die Menschen sind nicht einfach nur die "Guten". Grendels Rache für den Tod seines Vaters ist zwar brutal - unterliegt aber einem Moralkodex. Die Dänen sehen Grendel zwar als Monster - sind aber selber eigentlich nicht besser. Und Beowulf? Beowulf erkennt diese Widersprüche und versucht die Hintergründe für Grendels Angriffe herauszufinden - kann aber selbst nicht aus seiner Haut.
Beowulf & Grendel verweigert dem Zuschauer jede Schwarz-Weiß-Sicht auf die Ereignisse. Der Held hat mehr mit dem Monster gemeinsam, als er sich zunächst eingestehen will. Überhaupt werden Vorstellungen von "Heldentum" ziemlich schnell auf die Schippe genommen. Der edle König ist ein peinlicher Säufer und Beowulf auch nicht ganz so der tolle Hecht, für den er sich hält (auch wenn er sowas von scharf ist ...). Selbst der christliche Missionar muss sich damit abfinden, dass seine Heilslehre den Dänen in ihrer Panik zwar gerade recht kommt, sich aber im Grunde keiner wirklich dafür interessiert.
Schick sind auch die Szenen, in denen Beowulfs dichterisch veranlagter Kumpel den Grundstein für das Beowulf-Epos legt - und fast ausschließlich Gelächter erntet ...
Das Ganze ist fantastisch in Szene gesetzt, die Atmosphäre stimmt und die Schauspieler sind ziemlich großartig (und scharf. Hatte ich schon Gerard Butler erwähnt?). Definitv also ein Must-see für alle Beowulf-Fans, Fantasy-Freaks und Leute, die schon immer einen scharfen Typen ungehemmt ansabbern wollten.

Und ich geh jetzt endlich ins Bett. Verdammt. Ich wollte doch gar nicht so viel labern ...

Übrigens: Falls jemand Lust hat, den Beowulf jetzt auch zu lesen - unbedingt empfehlenswert. Ich gehe mal davon aus, dass die altenglische Version hier die Wenigsten interessiert, aber falls euch modernes, normales Englisch nix ausmacht, solltet ihr euch Seamus Heaneys fantastische Übersetzung besorgen. Die macht nämlich ganz ungemein viel Spaß.
Billiger gehts online: Beowulf in Hypertext ist eine ziemlich praktische Seite mit vielen Beowulf-Infos.



Technorati ,

Kommentare:

maini hat gesagt…

Mit Altenglisch meinst du da diesen Text hier?
Hwæt! We Gardena in geardagum,
þeodcyninga,þrym gefrunon,
hu ða æþelingas ellen fremedon.
Oft Scyld Scefing sceaþena þreatum, usw.

Ums kurz zu machen: ich nehm dann lieber das normale Englische:
LO, praise of the prowess of people-kings
of spear-armed Danes, in days long sped, usw.

Und wie ich grad feststelle, nehm ich es noch lieber in deutsch. Ich versteh nicht viel von dem weiteren Text. Aber danke für deinen Eintrag. :D

Katrin hat gesagt…

Äh ja genau, das ist der altenglische Text. :D Schick, oder?
Und die Übersetzung auf der Seite ist tatsächlich ein bissl anstrengend zu lesen - Heaney ist weitaus angenehmer.

So. The Spear-Danes in days gone by
and the kings who ruled them had courage an greatness.
We have heard of those princes' heroic campaigns.
There was Shield Sheafson, scourge of many tribes,
a wrecker of mead-benches, rampaging among foes.

Sind Dänen nicht sowas ähnliches wie Norweger? (Ist das jetzt ganz furchtbar blasphemisch? Ich seh schon, wie
jetzt dann gleich ein norwegisches Kamikazekommando die Wohnung hier stürmt ...) Dann ist das ja fast schon Pflichtlektüre :P

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